Papierfiguren und Geschichten: Ergebnisse aus dem Literaturkurs des 9.Jahrgangs

Hey, Du hast Interesse an spannenden Geschichten? Wir, der Deutsch-Literaturkurs des 9. Jahrgangs von Frau Scholz-Thomas, haben Papierfiguren kreiert, in Serie fotografiert und dazu ganz individuelle Geschichten geschrieben. Mit einem Klick auf diese Seite könnte Ihr Ausschnitte aus unseren Lieblingsgeschichten lesen …

Diana Becker: Als Stille zum Nachteil wurde

  2 Dezember 2020, 18.10 Uhr, eine Stunde vor dem Ausbruch

18.10 Uhr. Die Zählung beginnt in fünf Minuten. Und um genau 18.16 Uhr wird Billie Brown auf eine Person einstechen. Daraufhin wird ein Einschluss folgen. Danach heißt es warten.

Ein Wärter kommt rein: „AN DIE TÜREN STELLEN.“ Alle stellen sich an ihre Türen. Es folgt ein Piep und die Türen gehen auf. „VORTRETEN.“ Alle treten vor ihre Türen. Es herrscht Totenstille.

3, 2, 1. Panik bricht aus. Alle laufen zum Gitter, um zu sehen, was unten passiert. Alle sehen zu, wie Billie einen Unschuldigen ersticht und jubeln. Es ist wie Kino. Ein Kino, was mich 1000 Euro gekostet hat. Der Wärter kommt und unterbricht die Vorstellung. Zuerst buhen alle, doch als das Wort „Einschluss“ gefallen ist, folgt wieder Totenstille. Alle gehen in ihre Zellen und die Türen gehen zu. Einschluss bedeutet, für 24 Stunden in der Zelle eingeschlossen zu sein. Kein Essen und Trinken, keine Zählungen, kein Besuch.

2. Dezember 2020, 19.10 Uhr, Zeitpunkt des Ausbruchs

Es ist so weit. Ich nehme mein Bettlaken und hänge es vor meine Tür. Es bedeutet, dass man nicht gestört werden will, naja, bei etwas Intimem. Ich nehme meinen Regenschirm, den ich in meinem Kopfkissen versteckt habe, und beginne, mein Fenster loszuschrauben. Ich klettere raus und stehe auf einem alten, verrosteten Rohr, das jederzeit brechen kann. Naja, irgendwo ist immer die Schwachstelle. Die zweite Schwachstelle ist die Dunkelheit. Es ist Winter, was einerseits ein Vorteil ist, da es schon um 19.00 Uhr dunkel wird, aber andererseits ist es kalt und man sieht nichts.

Ich bin auf der Hälfte des Weges angekommen, als ich auf einmal ein Knacksen höre. Das Rohr bricht. Mist. Noch ein Knacksen, noch eins. Ich muss laufen, jetzt oder nie. Ich entscheide mich fürs Jetzt und laufe, so schnell ich kann. Hinter mir fängt das Rohr schon an abzubrechen. Ein Meter noch. Ich laufe und springe auf die Plattform. Kurz danach fällt das Rohr zu Boden. „Glück gehabt“, sage ich zu mir selber. Danach gehen alle Lichter an. Das Rohr hat einen zu lauten Knall beim Aufprall gemacht. Ich habe keine 50 Sekunden mehr, bis hier alle Wachen mit Waffen, gezielt auf mich, stehen werden. 30 Sekunden. Ich höre die ersten Wärter rufen. „HEY, WAS MACHST DU DA?“ 20 Sekunden. Es werden mehr. Okay. Ich nehme so viel Anlauf, wie mir die Plattform erlaubt, mache den Regenschirm auf und springe. Ich gleite über die Wachen und über den Zaun. Ich höre nur noch, wie jemand schreit: „NICHT SCHIEßEN!“

 

Jasmin Enbrecht: 15 Jahre in einer Woche

Der gestrige Tag war ein sehr emotionales Erlebnis für mich, da ich wusste, dass ich die wichtigste Bezugsperson in meinem Leben nie wiedersehen würde. Heute fahre ich mit gemischten Gefühlen durch die Gegend. Auf der einen Seite bin ich traurig, weil ich weiß, dass ich mit jeder Minute meinem Tod ein Stück näherkomme, aber auf der anderen Seite bin ich total glücklich darüber, meine letzten Tage nicht mit Schmerzen und Geräten, die an mich angeschlossen sind, verbringen muss. Ich habe mein Schicksal selbst in die Hand genommen und werde selber über mein Leben bestimmen. Der erste Anhaltspunkt auf meiner Reise ist der Urwald neben meiner Heimatstadt. Mir ist zwar bewusst, dass es nicht so ein großes Ereignis ist, aber für mich ist es ein wichtiger Bestandteil meiner letzten Reise. Wenn die anderen Kinder draußen gespielt und getobt hatten, saß ich in meinem Zimmer und war sehr traurig. Aber es munterte mich auf, aus meinem Fenster in die Ferne zu starren und zu sehen, wie schön mein Planet doch ist. Was mich immer sehr fasziniert hatte, war der Urwald, den man von meinem Fenster aus sehr gut erkennen konnte. Wenn wir einen Jahreszeitenwechsel hatten, wartete ich gespannt darauf zu sehen, wie sich die Bäume und die Pflanzen veränderten. Wir haben ähnliche Jahreszeiten wie die, die man auf der Erde kennt, jedoch gibt es bei uns nur drei davon. Das Schönste im gesamten Jahr war, wenn die Trenoszeit anfing. Die Bäume und Pflanzen streckten sich in die Höhe und entfalteten ihre volle Schönheit. Gleichzeitig fielen kleine Eiskristalle vom Himmel herunter. Es war ein sehr großes Ereignis für mich zu sehen, wie die kleinen funkelnden Eiskristalle sich auf den Pflanzen und den Bäumen absetzten. Diese Kristalle waren eines der schönsten Dinge, die ich je in meinem Leben gesehen hatte. Sie funkelten wie die Sterne am Himmel und wenn sie die Pflanzen anschließend berührt hatten, stieg eine kleine rosa Wolke hinauf. Zu meinem Glück war gerade Trenoszeit. Ich wartete viele Stunden an einer Stelle, um mir meinen kleinen Kindheitstraum zu erfüllen. Schließlich war es dann so weit. Ich sah nun meine Chance. Von klein auf wollte ich so eine rosa Wolke auffangen und irgendwie aufbewahren. Ich hatte bisher nie die Möglichkeit, zu unserem Urwald zu fahren, da mein Transport anscheinend zu aufwendig gewesen wäre …

Aber ich ließ mein altes Leben ab heute hinter mir. Schließlich holte ich ein Einmachglas aus dem Kofferraum heraus und fing meine erste Tresinoxwolke ein. Ich war noch nie in meinem Leben so glücklich und dieser Moment gab mir so viel neue Kraft. Die restlichen Tagesstunden verbrachte ich, indem ich mit dem Fahrzeug die Feldwege neben dem Urwald entlangfuhr. Dabei überschritt ich das Tempolimit gewaltig, aber wie gesagt, ab jetzt war mir eh alles egal und ich wollte alles, was ich in meinem Leben verpasst hatte, nachholen. Das war einer der schönsten Tage meines Lebens und der Tag gab mir sehr viel neue Lebensfreude.

22.15.3077

Janika Nerlich: Fremde Welten

Der Geruch von alten Büchern steigt mir in die Nase. Ich liege auf dem Rücken und traue mich nicht, die Augen zu öffnen. Ich weiß nicht, ob alles gut gegangen ist, aber woher auch, ich bin noch nie hier gewesen. Als ich langsam die Augen öffne, erkenne ich, dass ich mich in einem engen Spalt befinde, der von langen, hohen Gegenständen gesäumt ist. Am Ende des Spalts kann ich Licht entdecken. Vorsichtig taste ich mich den Spalt entlang, bis ich das Licht erreiche.

Mir entfährt ein kleiner Schreckensschrei und mein Herz schlägt schneller. Diese Welt, sie ist viel größer als meine Welt. Ich stehe am Abgrund des Regalbrettes und der Boden scheint, für meine Verhältnisse, kilometerweit entfernt zu sein. Ich wusste nicht, dass die normale Welt so groß ist. Warum ist sie denn so viel größer als meine Welt? Warum wusste ich nichts davon? Wie soll ich da nur runter kommen? Während ich noch alle Hindernisse aufzählen will, wird mir bewusst: Ich habe es geschafft, ich habe mich aus meinem Buch befreit. Ohne einen richtigen Plan zu haben und jetzt kann ich machen, was ich will. Ich kann endlich meine Träume und Wünsche leben. Daniel und Jessica gehören ab jetzt nicht mehr zu meinem Leben. Ich bin frei! Okay, aber zuerst muss ein Plan her, wie ich hier herunterkommen soll. Ich halte Ausschau nach einer dieser Leitern, die immer in Bibliotheken herumstehen. Mein Blick schweift den Gang entlang. Da, ganz am Ende des Ganges kann ich eine sehen. Ich mache mich auf den langen Weg dorthin, ich laufe auf den schmalen Regalbrettern entlang und versuche, die Höhe so gut wie möglich auszublenden. Als ich nach einer gefühlten Ewigkeit die Leiter erreiche, bin ich fertig mit den Nerven. Mit letztem Kraftaufwand hangel ich mich die Leitersprossen nach unten. Geschafft, und jetzt? Wo ich so weit gekommen bin, will ich doch nicht in dieser alten Bibliothek versauern. Und die Gefahr, hier von anderen Buchfiguren erwischt zu werden, ist auch viel zu groß. Ich muss irgendwie aus dieser riesigen Bibliothek herauskommen. Ich versuche, mich zu orientieren, es sieht so aus, als würde ich mich im Erdgeschoss befinden. Als ich mich umsehe, kann ich ganz weit hinten, am anderen Ende des Raumes, eine große Tür erkennen. Das muss wohl die Eingangstür sein, denke ich. Es wird zwar eine Ewigkeit dauern, aber ich habe ja keine andere Wahl, als dorthin zu wandern. Hoffentlich ist die Tür nicht abgeschlossen.

Amely Reimer: No Escape

Chaos brach aus. Die von uns, die versuchten zu fliehen, wurden gnadenlos erschossen. In diesem Moment wurde mir klar, dass die Bösen immer gewinnen würden, denn sie hielten sich nicht an die Spielregeln. Doch leider war dies kein Spiel, sondern die Realität. Die Regierung war nur so mächtig, weil sie Geld besaß. Das Geld der Einwohner dieses Landes. Es wurde gesagt, dass wir in einem freien Land lebten, aber wir waren nie frei. Jeder unserer Schritte wurde beobachtet und jeder, der sich nicht anpasste, wurde aus dem Weg geschafft. Wir waren Marionetten und sie zogen die Fäden.

Meine Hände wurden mir auf den Rücken gedrückt und mit Handschellen befestigt. „Nein! Bitte, Sie wollen mich, tun Sie ihm nichts“, flehte ich den bewaffneten Mann an. Ich wusste nicht, warum mir dieser eigentlich so fremde Mann so viel bedeutete, ich kannte nicht einmal seinen Namen. Doch der Namenlose lächelte mich nur an und sagte: „Es wird alles wieder gut, ich war immer bei dir und werde für immer in deinem Herzen bleiben, Schwester“. Nach diesen Worten nahm ich einen gedämpften Knall war und spürte, wie mein Herz in viele Teile zersprang.

Leonie Schüchter: Die Reise zu mir selbst

Liebes Tagebuch,

heute war ich tauchen. Ich liebe die Fische und das Meer, einfach die ganze Unterwasserwelt. Wir waren zum Tauchen mit einem kleinen Motorboot raus aufs Meer gefahren. Es war schon immer ein kleiner Traum, einen Tauchkurs zu besuchen, vor allem im klaren hellblauen Wasser. Ich zog meinen Taucheranzug und die Taucherausrüstung an und sprang ins kühle Nass. Kaum hatten wir die Erlaubnis abzutauchen, war ich auch schon unten. Einfach mal abtauchen von all den Problemen, die an Land auf mich warteten, und entspannen, den Kopf frei kriegen.

Doch ein Phänomen kommt mir Unterwasser bekannt vor, nämlich, dass man Unterwasser ohne Brille nichts sehen kann. Man muss eine Brille aufsetzen, um alles klar zu erkennen. Klar, das weiß jeder, aber ist es nicht auch so im Leben? Ohne die richtige Brille können wir das Leben doch gar nicht richtig sehen, oder? Und ist sie bei uns allen auch anders eingestellt? Ich meine jetzt nicht, dass man die Umgebung nicht richtig sieht, klar, das ist bei manchen Menschen auch der Fall, aber ich meine, Dinge nicht richtig wahrnehmen zu können. Nicht umsonst gibt es die Metapher, alles durch eine rosarote Brille zu sehen, wenn man verliebt ist, weil man plötzlich ganz andere Ansichten hat. Wir brauchen doch auch alle eine klare, saubere, geputzte Brille, mit der wir das Leben so sehen, wie es ist, oder? Naja, vielleicht würden wir dann doch eher die Augen schließen wollen, wenn das Leben gerade nicht so läuft, wie es laufen soll, denn die zum Teil nicht so schöne Wahrheit zu begreifen und aus seinen Träumen aufzuwachen, tut weh, aber wir könnten wenigstens alle so klar denken. Und wenn wir dann noch eine Person finden, die fast dieselbe Einstellung der Brille mit Blick aufs Leben trägt, haben wir bestimmt einen Menschen gefunden, mit dem wir uns sehr gut verstehen werden, und genau den brauche ich auch noch.

Das Tauchen heute, sowie die ganzen vielen verschiedenen Fische hatten mich beeindruckt und ich hatte Erfahrungen gesammelt, die ich nicht missen möchte. Die Unterwasserwelt sah so harmlos von außen aus, obwohl es auch da nicht immer schön zugeht. Wie die Fische wohl über das Land denken?

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